Tonischer Labyrinth-Reflex (TLR)

Der Tonische Labyrinth Reflex wird aktiviert bei Veränderung der Kopfposition. Beugt sich der Kopf nach vorne, löst dies den TLR vorwärts aus. Legt sich der Kopf in den Nacken, wird der TLR rückwärts ausgelöst.

Beim TLR vorwärts kommt es zu einer allgemeinen Tonuserschlaffung und der Körper des Kindes kommt in die fötale Beugehaltung. Dies kann man sehr schön beobachten, wenn das Baby auf dem Bauch liegt. Bereits im Mutterleib ermöglicht dies dem Kind, sich optimal an die Raumverhältnisse anzupassen. Dadurch hat das Kind aber auch einen max. Berührungskontakt mit der Mutter. So fühlt sich das Kind beschützt und geborgen.

Wenn das Kind auf dem Rücken liegt, ist der TLR rückwärts aktiv und die Streckmuskeln kommen zum Einsatz. Durch den TLR rückwärts ist das Baby in der Lage, sich in der unmittelbaren Vorgeburtsphase mit dem Kopf in den Geburtskanal zu strecken und sich dann mit anderen frühkindlichen Reflexen durch den Geburtskanal zu drehen. Kommt es zu einer Störung des normalen Geburtsvorganges, kann man davon ausgehen, dass der TLR rückwärts nicht zu seinem Höhepunkt gekommen ist. Somit kann er auch nicht richtig integriert werden.

Wenn das Kind auf der Welt ist, kann sich das Kind mithilfe des TLR, an die neuen Bedingungen der Schwerkraft einstellen. Durch das Beugen des Kopfes nach vorne vermindert sich der Muskeltonus, jedes Strecken des Kopfes erhöht den Muskeltonus. Dadurch wird die Tiefensensibilität stimuliert und das Kind bekommt die Möglichkeit sein Gleichgewicht, den Muskeltonus und die Tiefensensibilität zu trainieren.
Wenn der TLR nicht integriert ist, kann das Auswirkungen haben auf den Muskeltonus und auf das Gleichgewichtssystem. Der Mensch kann sich nie so richtig entspannen. Kinder mit einem offenen TLR vorwärts haben oft einen schwachen Muskeltonus und eine schlechte Haltung. Die Stimulation vom retikulären Aktivierungssystem zum Kortex reicht nicht aus, sodass es auch Probleme mit der Aufmerksamkeit und der Konzentration kommen kann.

Folgen, wenn der TLR noch nicht gehemmt ist!

Bleiben Restreaktionen des TLR erhalten, lösen sie nicht nur einen veränderten Muskeltonus durch die Kopfbewegung aus, sondern sie stören auch die Funktion des Gleichgewichtssystems. Dieses arbeitet eng mit den anderen Sinnen zusammen. So hat es zum Beispiel Einfluss auf die Hörverarbeitung und die Augenbewegungen. Seine Informationen sind eine wichtige Grundlage für das Kleinhirn.  Dies koordiniert Bewegungen und reguliert den Muskeltonus. Somit sorgt es für geschmeidige, gut koordinierte Bewegungen.

Einfluss auf das Gleichgewichtssystem!

Ist also das Gleichgewichtssystem zum Beispiel durch den TLR gestört, so können in all diesen Bereichen Schwierigkeiten auftreten. Arbeitet es nicht korrekt, erlangen wir kein stabiles Gleichgewicht, das heißt wir sind ständig in Bewegung, um das Gleichgewicht zu halten. Dies ist bei vielen Kindern die Ursache für ihre motorische Unruhe. Erst wenn wir sie die Balance mühelos in Ruhe halten können, können sie aufmerksam sein.

Da jede Kopfbewegung die gesamte Körperhaltung beeinflusst, empfinden die Kinder Stehen als anstrengend. Sie müssen immer wieder dem Reflex entgegenwirken und eine stabile Stellung suchen.

Dominieren Restreaktionen des „TLR vorwärts“, so ist die Haltung eher schlaff, mit rundem Rücken und schwachem Muskeltonus. Die Kinder stabilisieren sich oft, indem sie sich z.B. an der Hose festhalten oder die Arme auf dem Rücken überkreuzen oder sie setzen sich bei jeder Gelegenheit auf den Boden oder lehnen sich an.

Dominiert dagegen der „TLR rückwärts“, so bewegt sich das Kind eher steif. Die Beine beugen sich kaum und eventuell geht es auf Zehenspitzen. Auch Sport ist anstrengend und meist unbeliebt, da durch den Reflex keine gut koordinierte Bewegung entstehen kann. Soll ein Kind mit „TLR rückwärts“ z.B. einen Purzelbaum machen, so kommt es bei der Streckung der Beine beim Abstoßen zu einer Streckung des ganzen Körpers und damit des Nackens. Es hilft in dieser Situation wenig, wenn man dem Kind erklärt, dass es den Kopf eingerollt lassen soll, denn die Streckung erfolgt unbewusst, ausgelöst durch den Reflex.

Der ganze Muskeltonus ist betroffen!

Bei einem Kind, bei dem Reste des TLR noch aktiv sind, ändert jede Kopfbewegung nach vorn oder hinten den Muskeltonus im gesamten Körper. Dadurch fehlt ein fester räumlicher Bezugspunkt, was Probleme mit der Einschätzung von Raum, Entfernung, Tiefe und Geschwindigkeit nach sich ziehen kann. Fehlt der innere Fixpunkt, so kann auch kein sicheres Bild der Umwelt erstellt werden. Dies hat Auswirkungen auf die gesamte Orientierungsfähigkeit. Die Zeitwahrnehmung und Ordnungsfähigkeit können gestört sein.

Das Kind hat eventuell Probleme mit dem Erkennen von logischen Reihen und Mustern, mit dem Sprachaufbau und Buchstabenfolgen. Durch das dadurch entstehende Chaos sind die Kinder oft langsamer als andere Kinder. Diesem inneren Chaos entspricht oft auch ihre Handlung. Sie sind vergesslich und unordentlich, verlegen vieles. Wie sich der Verlust des inneren Fixpunktes auswirkt, kann bei Astronauten beobachtet werden, denn es kann vorkommen, dass sie plötzlich in Spiegelschrift schreiben und Buchstaben verdrehen.

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